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Sportwagen

Launch Control erklärt: Was beim Start wirklich passiert

Zwei Pedale, eine Sekunde, drei Regelkreise gleichzeitig. Was Launch Control im Hintergrund wirklich macht, warum die Zieldrehzahl kein Wunschwert ist und wo die Physik die Bestzeit kappt.

Linker Fuß auf der Bremse, rechter voll aufs Gas, Drehzahl steht wie festgenagelt, Bremse lösen. Was danach in etwa einer halben Sekunde passiert, ist der komplizierteste Moment im ganzen Antriebsstrang. Launch Control ist keine Taste, die mehr Leistung freischaltet. Es ist ein Regelkreis, der Drehmoment, Kupplungsschlupf und Radschlupf gleichzeitig verwaltet, weil ein Mensch das mit zwei Füßen nicht schafft.

Der Motor liefert dabei nicht mehr als sonst. Was Launch Control liefert, ist die Fähigkeit, das vorhandene Drehmoment exakt an der Haftgrenze der Reifen abzugeben, vom ersten Zentimeter an.

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Die drei Größen, die gleichzeitig geregelt werden

Der erste Regelkreis sitzt am Motor. Beim Aufbau hält die Steuerung eine feste Zieldrehzahl, obwohl das Gaspedal am Anschlag steht. Das geht über Drosselklappenwinkel, Zündwinkel und Einspritzung. Der Motor hängt also nicht am Begrenzer, sondern wird gegen die stehende Kupplung auf einem Plateau gehalten.

Der zweite sitzt an der Kupplung. Beim Doppelkupplungsgetriebe wird der erste Gang eingelegt, die Kupplung auf den Beißpunkt vorgespannt und dann in einer definierten Rampe geschlossen. Schlupf ist hier kein Fehler, sondern das Stellglied. Zu schnelles Schließen reißt die Reifen los oder lässt die Drehzahl in den Keller fallen, zu langsames verbrennt Zeit und Belag.

Der dritte sitzt an den Rädern. Über die ABS-Sensoren vergleicht die Elektronik Antriebs- und Referenzdrehzahl und regelt den Schlupf auf einen Zielwert, der typischerweise im niedrigen zweistelligen Prozentbereich liegt. Null Schlupf wäre falsch, weil der Reifen sein Kraftmaximum nicht bei null überträgt, sondern bei ein paar Prozent Längsschlupf. Genau dort will die Regelung hin und dort will sie bleiben.

Diese drei Kreise arbeiten nicht nacheinander, sondern überlagert. Deshalb fühlt sich ein guter Launch so seltsam ruhig an. Kein Durchdrehen, kein Ruckeln, nur ein Schub, der einfach nicht abreißt.

Geöffnetes Doppelkupplungsgetriebe mit sichtbaren Kupplungspaketen auf einer Werkbank
Beim DCT ist der Kupplungsschlupf das eigentliche Stellglied des Startvorgangs.

Warum die Zieldrehzahl kein Wunschwert ist

Die Launch-Drehzahl wirkt willkürlich, ist es aber nicht. Sie ist das Ergebnis aus drei Konflikten.

Ein Sauger braucht Drehzahl, weil sein Drehmoment erst oben kommt. Entsprechend hoch liegt der Zielwert, oft im Bereich um zwei Drittel der Nenndrehzahl. Ein Turbomotor dagegen braucht vor allem Ladedruck, und der lässt sich im Stand nicht beliebig erzeugen. Also fährt die Steuerung eine niedrigere Drehzahl, hält aber Zündwinkel spät und das Wastegate zu, damit möglichst viel Abgasenergie in die Turbine geht. Das ist der Grund für das Knallen und Bollern beim Aufbau. Es ist kein Showeffekt, sondern Abwärme, die zu Ladedruck wird.

Gegen beides steht die Kupplung. Je höher die Differenzdrehzahl zwischen Motor und Getriebeeingangswelle beim Schließen, desto mehr Reibarbeit landet als Wärme im Belag. Nasslaufende Doppelkupplungen stecken das deutlich besser weg als trockene, weil das Öl die Energie abführt. Deshalb sperren Hersteller mit Trockenkupplung Launch Control häufiger oder setzen die Drehzahl konservativer an.

Dazu kommt der Reifen. Bei einem heckgetriebenen Auto mit Serienbereifung bringt eine hohe Launch-Drehzahl gar nichts, weil die Räder sowieso vor dem Drehmomentmaximum losbrechen. Die Regelung müsste sofort wieder zurücknehmen. Bei Allrad mit klebriger Gummimischung ist genau das Gegenteil richtig.

Wandlerautomatik: Brake Torque statt Kupplungsrampe

Bei einer klassischen Wandlerautomatik gibt es keine Kupplung, die man modulieren müsste. Hier arbeitet man gegen den Drehmomentwandler. Der Fahrer oder die Elektronik dreht bei getretener Bremse gegen die Stall-Drehzahl hoch, also gegen den Punkt, an dem Pumpen- und Turbinenrad maximal zueinander schlupfen.

Der Vorteil ist physikalisch hübsch: Ein Wandler verstärkt im Stall-Bereich das Drehmoment, grob um den Faktor zwei. Beim Lösen der Bremse steht also nicht nur Motordrehmoment an, sondern ein Vielfaches davon. Genau deshalb sind Wandlerautomaten beim Ampelstart traditionell so stark, obwohl sie beim Schalten Zeit verlieren.

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Der Nachteil ist die Wärme. Brake Torque heizt das Getriebeöl brutal auf, weil die gesamte Leistungsdifferenz im Wandler in Reibung geht. Zwei, drei Starts hintereinander verträgt das. Eine Serie von zehn nicht.

Handschalter haben in aller Regel gar kein Launch Control, und das ist kein Versäumnis. Die Kupplung ist rein mechanisch angesteuert, die Software hat keinen Zugriff auf ihre Position. Manche Fahrzeuge bieten immerhin eine Drehzahlhaltefunktion, die den Motor beim Anfahren auf einem Wert festhält. Den Rest macht der linke Fuß, und der macht ihn schlechter als jede Hydraulik.

Elektro: kein Schlupf, nur Temperatur

Beim Elektroauto fällt der halbe Regelaufwand weg. Es gibt keine Anfahrkupplung, keine Zieldrehzahl, keinen Ladedruck. Volles Drehmoment steht ab null Umdrehungen an. Launch Control heißt hier vor allem: Das Antriebsdrehmoment wird in einer definierten Rampe aufgebaut und der Radschlupf über die Motorregelung begrenzt. Und weil ein E-Motor sein Moment in wenigen Millisekunden zurücknehmen kann, ist die Schlupfregelung um Größenordnungen feiner als alles, was über eine Bremse oder eine Drosselklappe läuft.

Der Engpass liegt woanders. Ein Volllaststart zieht für ein paar Sekunden eine extreme Entladeleistung. Ob die Batterie die freigibt, hängt an Zelltemperatur, Ladezustand und Innenwiderstand. Zu kalt, und das BMS drosselt. Zu voll oder zu leer, ebenso. Deshalb haben Performance-EVs eine Vorkonditionierung, die die Zellen aktiv in ein enges Temperaturfenster bringt, bevor der Start überhaupt freigegeben wird.

Die zweite Grenze ist der Antriebsstrang selbst. Motor, Inverter und Kühlmittel erwärmen sich bei Volllast in Sekunden. Was als Peak-Leistung beworben wird, steht selten länger als wenige Sekunden an. Für 0 auf 100 reicht das locker. Für zehn Starts in Folge auf dem Dragstrip nicht.

Heckansicht eines Sportwagens beim harten Start auf der Rennstrecke mit verformten Hinterreifen
Bei einem Reibbeiwert um 1,0 liegt die physikalische Grenze für 0 auf 100 bei knapp unter drei Sekunden.

Die Physik kappt die Bestzeit, nicht die Elektronik

Egal wie gut die Regelung ist, am Anfang steht eine simple Ungleichung. Die maximale Längsbeschleunigung ergibt sich aus Reibbeiwert mal Erdbeschleunigung. Bei einem Reibwert von 1,0, den ein guter Semislick auf warmem, griffigem Asphalt liefert, sind das rund 9,8 m/s². Von 0 auf 100 km/h, also auf 27,8 m/s, braucht es damit etwa 2,8 Sekunden. Mehr ist nicht drin, egal wie viele Kilowatt dahinterstehen.

Jede Zeit deutlich unter diesem Wert bedeutet also zwingend, dass der Reibbeiwert über 1,0 liegt: klebrige Mischung, aufgeheizter Asphalt, präparierte Bahn, sehr hohe Achslast über der Antriebsachse. Aerodynamischer Abtrieb hilft bei diesen Geschwindigkeiten praktisch noch nicht, dafür ist der Staudruck zu gering.

Der zweite Grund für erstaunlich niedrige Werte ist die Messmethode. Auf der Viertelmeile startet die Zeitnahme erst, wenn das Auto die Lichtschranke verlässt, es rollt also rund eine Fußlänge an, bevor die Uhr läuft. Dieser Rollout schenkt der Zeit locker mehr als ein Zehntel. Herstellerangaben und Magazinmessungen sind deshalb nicht immer direkt vergleichbar, auch wenn beide 0 auf 100 draufschreiben.

Was ein Launch tatsächlich kostet

Die Bauteile, die leiden, sind nicht die, an die man zuerst denkt. Der Motor langweilt sich. Die Rechnung zahlen andere:

  • Kupplung: Jeder Start bedeutet Reibarbeit bei hoher Differenzdrehzahl. Bei nassen DCT geht das ins Öl, bei trockenen direkt in den Belag.
  • Antriebswellen und Gelenke: Der Drehmomentstoß beim Schließen ist eine Lastspitze, die deutlich über dem stationären Motordrehmoment liegt. Gebrochene Wellen sind der klassische Tuning-Schaden, nicht der geplatzte Kolben.
  • Differential und Achsgetriebe: Vor allem bei Allrad, wo die Vorderachse beim Losfahren aus dem Stand kurzzeitig ein Vielfaches ihres Auslegungsmoments sieht.
  • Reifen: Ein einziger schlecht geregelter Start mit Durchdrehen kostet mehr Gummi als eine ganze Landstraßenrunde.

Dazu kommt das sogenannte Achstrampeln, wenn Radaufhängung und Reifen in eine Eigenschwingung geraten: Der Reifen haftet, verwindet sich, bricht los, haftet wieder. Das Ergebnis ist ein hochfrequentes Hämmern, das Lager, Gummilager und Wellen härter belastet als der Start selbst. Wenn es passiert, sofort vom Gas. Weiterziehen macht es teuer.

Manche Hersteller zählen Launch-Vorgänge im Steuergerät mit. Ob und wie das im Garantiefall gewertet wird, ist von Marke zu Marke unterschiedlich, aber die Zählerstände sind auslesbar. Wer glaubt, das falle nicht auf, irrt.

Warum es oft einfach nicht geht

Launch Control ist an Bedingungen geknüpft, und die werden nicht verhandelt. Öltemperatur im Betriebsfenster, Getriebeöl warm, Fahrmodus auf Sport oder Race, ESP im entsprechenden Modus, Lenkrad gerade, Türen zu, kein Fehlerspeichereintrag im Antriebsstrang. Fehlt eine Bedingung, passiert beim Aufbau schlicht nichts, oder die Drehzahl fällt beim Lösen der Bremse einfach ab.

Die häufigste Ursache für einen enttäuschenden Start ist trotzdem eine andere: kalte Reifen. Unter etwa 20 Grad Gummitemperatur liefert selbst eine gute Sommermischung nur einen Bruchteil ihres Potenzials. Die Regelung erkennt das, nimmt Drehmoment weg, und das Auto fühlt sich müde an. Es ist nicht müde. Es findet nur keinen Halt.

Das zweite ist der Untergrund. Öffentlicher Asphalt ist nicht präpariert, hat Splitt, Gummiabrieb in den Spurrillen und Fahrbahnmarkierungen. Ein Auto, das auf der Bahn 2,9 Sekunden schafft, macht dort 3,6. Abgesehen davon gehört ein Volllaststart schlicht nicht auf die Straße: Der Bremsweg in den ersten Metern ist katastrophal, und die Geschwindigkeit steigt schneller, als die Wahrnehmung mitkommt. Dragstrip, Trackday, Testgelände. Sonst nirgends.

Und wenn du es auf der Bahn machst: nach dem Start nicht sofort wieder anstellen. Gib der Kupplung und dem Getriebeöl ein paar Minuten und eine Rollrunde. Zwei saubere Starts sind mehr wert als sechs, bei denen die Elektronik ab dem dritten wegen Übertemperatur zurücknimmt und du dich über die Zeit wunderst.

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