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Sportwagen

Allrad im Sportwagen: Warum die Systeme so verschieden sind

Allrad ist nicht gleich Allrad. Zwischen Lamellenkupplung, Torsen-Mitteldiff und zwei E-Motoren liegen Welten, und man spürt sie im ersten Kurvenausgang.

Zwei Sportwagen, beide mit Allrad, beide mit ähnlicher Leistung. Der eine schiebt beim Rausbeschleunigen stur geradeaus, der andere zieht sich förmlich in die Kurve hinein. Der Unterschied steckt nicht im Fahrwerk, sondern darin, wie das Drehmoment auf die vier Räder kommt und wie schnell sich diese Verteilung ändern kann. Allrad im Sportwagen ist kein Feature, sondern eine Bauartentscheidung mit sehr konkreten Folgen fürs Handling.

Grob gibt es vier Familien: zuschaltbare Systeme mit Lamellenkupplung, permanente Systeme mit Mitteldifferenzial, Systeme mit aktiver Momentverteilung an der Hinterachse und rein elektrische Lösungen mit getrennten Motoren pro Achse. Jede Familie hat eine eigene Charakteristik, die du blind erfühlen kannst, wenn du weißt, worauf du achten musst.

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Hang-on: die Kupplung entscheidet

Bei einem Hang-on-System hängt eine Achse permanent am Getriebe, die andere wird über eine geregelte Lamellenkupplung dazugeholt. Kein Mitteldifferenzial, keine feste Momentaufteilung. Was vorne ankommt, bestimmt allein der Anpressdruck der Kupplung, und der wird elektrohydraulisch oder elektromechanisch gestellt.

Der Klassiker ist das Haldex-Prinzip bei quer eingebauten Motoren. Es steckt in einer ganzen Reihe kompakter Hochleistungsautos, und auch der Lamborghini Huracán arbeitet mit einer elektrohydraulisch geregelten Kupplung zur Vorderachse. Porsche fährt beim 911 mit Allrad ein eigenes System mit geregelter Lamellenkupplung, sitzt dabei aber baulich anders da: Motor hinten, Kupplung vorn am Getriebeausgang, Welle nach vorn.

Der Vorteil liegt in der Freiheit. Ein Hang-on kann null Prozent nach vorn schicken und wenige Zehntelsekunden später einen erheblichen Anteil, ohne dass eine mechanische Vorgabe im Weg steht. Im Teillastbereich fährt der Wagen faktisch als Hecktriebler, was Lenkgefühl und Verbrauch zugute kommt.

Der Nachteil ist genauso klar: Die Kupplung muss erst zumachen. Reine Reaktivsysteme, die auf Raddrehzahldifferenz warten, sind für einen Sportwagen zu langsam. Moderne Regelungen arbeiten deshalb vorausschauend und rechnen mit Gaspedalstellung, Lenkwinkel, Querbeschleunigung und Gierrate, statt auf Schlupf zu reagieren. Trotzdem bleibt die Kupplung ein Verschleißteil, das Wärme abführen muss. Wer sie auf der Strecke über viele Runden quält, kennt das Gefühl, wenn die Regelung zurücknimmt.

Ein zweiter Punkt wird gern übersehen: Eine Lamellenkupplung kann Moment nur von der schneller drehenden zur langsamer drehenden Seite übertragen. Sie sperrt, sie verteilt nicht frei in beide Richtungen. Genau darin unterscheidet sie sich grundsätzlich vom Differenzial.

Permanenter Allrad mit Mitteldifferenzial

Hier laufen beide Achsen immer mit. Ein Mitteldifferenzial gleicht die Drehzahlunterschiede zwischen Vorder- und Hinterachse aus, damit sich der Antriebsstrang beim Einlenken nicht verspannt. Damit auf Schnee oder bei Traktionsverlust nicht alles über die durchdrehende Achse verpufft, braucht es eine Sperrwirkung.

Selbstsperrende Varianten wie das Torsen-Differenzial arbeiten rein mechanisch über Schneckenradsätze und reagieren praktisch ohne Zeitverzug, weil sie über Reibung im Verzahnungseingriff sperren. Kein Sensor, keine Regelung, keine Rechenzeit. Audi hat dieses Prinzip über Jahrzehnte in den längs eingebauten Modellen gefahren und später auf ein Kronenrad-Mitteldifferenzial umgestellt, das eine hecklastige Grundverteilung hat und in Grenzsituationen deutlich mehr Moment auf eine Achse schieben kann.

Das Verhalten ist anders als beim Hang-on. Der Antriebsstrang steht permanent unter Spannung, das Auto wirkt beim Rausbeschleunigen sofort verbunden, ohne diesen kurzen Moment, in dem erst die Vorderachse angekoppelt wird. Dafür ist die Lenkung unter Last spürbar schwerer und beladener, und in engen Kurven arbeitet ein selbstsperrendes Mitteldiff tendenziell gegen die Wunschrichtung des Fahrers.

Zerlegtes Mitteldifferenzial mit Lamellenpaket auf einer Werkbank
Selbstsperrendes Differenzial oder Lamellenkupplung: zwei völlig verschiedene Wege, Moment zu verteilen.

Die nominelle Verteilung ist übrigens die am häufigsten missverstandene Zahl in dem ganzen Feld. Ein Wert wie 40:60 beschreibt nur den Zustand, in dem alle vier Räder gleich viel Grip haben und nichts sperrt. Sobald Schlupf auftritt, verschiebt sich das Verhältnis. Wer aus der Grundverteilung auf das Fahrverhalten schließen will, liegt fast immer daneben.

Wenn die Hinterachse selbst verteilt

Die interessantesten Systeme kümmern sich nicht nur um die Aufteilung zwischen den Achsen, sondern zwischen linkem und rechtem Rad. Das ist der Punkt, an dem Allrad aufhört, ein Traktionshelfer zu sein, und anfängt, das Auto zu drehen.

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Nissans ATTESA E-TS im GT-R ist das bekannte Beispiel für die Achsverteilung: Grundsätzlich hecklastig ausgelegt, kann das System über eine geregelte Kupplung bis zu einer gleichmäßigen Verteilung zwischen den Achsen gehen. Dazu kommt beim GT-R die Transaxle-Bauweise, die Vorderachse wird über eine Welle zurück vom hinten sitzenden Getriebe bedient. Ungewöhnlich, aber gut fürs Gewichtsverhältnis.

Richtiges Torque Vectoring geht weiter. Beim Mitsubishi Lancer Evolution kam mit AYC ein Hinterachsdifferenzial, das aktiv Moment zwischen den Hinterrädern verschieben konnte, statt nur zu sperren. Honda verfolgt mit SH-AWD dasselbe Ziel über eine andere Bauform: Das kurvenäußere Hinterrad kann schneller getrieben werden als das kurveninnere. Ein Giermoment entsteht, das Auto dreht sich um die Hochachse in die Kurve hinein, obwohl du gerade beschleunigst.

Davon strikt zu trennen ist das bremsenbasierte Vectoring, das viele Serienautos als Software mitbringen. Es verzögert das kurveninnere Rad und erzeugt so ebenfalls ein Giermoment. Das funktioniert erstaunlich gut, kostet aber Energie und Bremsbelag und lässt sich über eine schnelle Runde nicht dauerhaft aufrechterhalten. Ein Getriebe, das Moment aktiv verschiebt, addiert Vortrieb, wo die Bremsvariante Vortrieb wegnimmt. Für einen Trackday-Wagen ist die mechanische Lösung die bessere, für ein Alltagsauto reicht die Bremsvariante fast immer.

Elektrischer Allrad ohne Kardanwelle

Bei zwei E-Motoren, einer pro Achse, fällt der ganze mechanische Verteilungsapparat weg. Keine Kardanwelle, kein Mitteldifferenzial, keine Lamellenkupplung. Die Aufteilung passiert in der Leistungselektronik und ist damit frei wählbar, in beide Richtungen, in Millisekunden.

Das ist der eigentliche technische Sprung, und er ist größer, als er von außen wirkt. Ein mechanisches System braucht mindestens einige Zehntelsekunden, um seinen Zustand zu ändern. Eine Momentregelung am E-Motor arbeitet um Größenordnungen schneller und kann außerdem negatives Moment stellen, also rekuperieren, während die andere Achse antreibt. Damit lässt sich das Fahrzeug im Grenzbereich stabilisieren, bevor der Fahrer überhaupt merkt, dass etwas gekippt wäre.

Vier Motoren treiben das Prinzip auf die Spitze: dann ist jedes Rad einzeln regelbar, echtes Torque Vectoring ohne jedes Differenzial. Der Preis sind Masse und ungefederte Masse, wenn die Motoren radnah sitzen, plus der Aufwand für Kühlung und Verkabelung.

Was E-Allrad nicht kann: Physik aushebeln. Die Reifenaufstandsfläche bleibt gleich groß, die Achslastverlagerung beim Beschleunigen auch. Ein E-Allradler beschleunigt aus dem Stand brutal, weil das Moment sofort da ist und beide Achsen ziehen. Bei hohem Tempo begrenzt dann die Leistung, nicht die Traktion, und der Vorteil schrumpft.

Warum sich das im Lenkrad so verschieden anfühlt

Der spürbare Unterschied entsteht aus drei Größen: Reaktionszeit, Richtung der Momentverschiebung und der Frage, ob die Vorderachse Antriebsmoment sieht, während du lenkst.

  • Hang-on: neutral bis heckbetont beim Einlenken, dann ein spürbares Ankoppeln der Vorderachse beim Gasgeben. Leichte Lenkung, klarer Traktionsgewinn, im Grenzbereich eher untersteuernd.
  • Mitteldifferenzial mit Sperre: sofort verbunden, hoher Vortrieb aus langsamen Kurven, Lenkung unter Last schwer, in engen Radien schiebt die Front.
  • Aktive Hinterachse: der Wagen dreht beim Beschleunigen ein, statt zu schieben. Fühlt sich zunächst falsch an, weil das Heck mitarbeitet, obwohl der Allrad eigentlich für Stabilität da sein soll.
  • Zwei E-Motoren: keine spürbaren Übergänge, dafür wenig Rückmeldung über den Grip. Das Auto ist einfach da, wo du hinlenkst, bis es nicht mehr geht.

Der Klassiker in der Fehleinschätzung: Allrad gleich Untersteuern. Das stimmt für die alten, frontlastig ausgelegten Systeme. Bei einer aktiven Hinterachse ist das Gegenteil richtig, und wer mit Hecktriebler-Reflexen unterwegs ist, korrigiert in die falsche Richtung.

Was Allrad kostet

Nichts davon ist umsonst. Ein Allradstrang bringt in der Größenordnung von einem knappen Zentner zusätzliche Masse mit, verteilt auf Kardanwelle, Verteilereinheit, Vorderachsdifferenzial und Antriebswellen. Dazu kommen zusätzliche Verzahnungseingriffe, jeder mit eigenem Wirkungsgradverlust. Die Leistung an der Kurbelwelle bleibt gleich, an den Rädern kommt weniger an als beim vergleichbaren Hecktriebler.

Auch das Package leidet. Eine angetriebene Vorderachse braucht Bauraum genau dort, wo bei einem Mittelmotorwagen Fahrerfüße, Lenkgetriebe und Crashstruktur sitzen. Deshalb bleiben viele reinrassige Mittelmotor-Sportwagen bewusst hinterradgetrieben, und deshalb bauen ausgerechnet die schärfsten Versionen mancher Allradmodelle die Vorderachse wieder aus.

Sportwagen am Kurvenausgang unter Last, Hinterreifen sichtbar belastet
Am Kurvenausgang zeigt sich, ob ein System nur Traktion liefert oder das Auto aktiv eindreht.

Auf einer trockenen Rennstrecke gewinnt Allrad hauptsächlich in langsamen Kurven und beim Start. Über eine schnelle Runde kann ein leichteres Heckantriebsauto das Mehrgewicht in Bremspunkt und Richtungswechsel zurückholen. Nass dreht sich das Bild komplett, dort ist der Vorsprung des Allrads groß und über die ganze Runde verteilt. Wenn du ein Auto für kalte, feuchte Trackdays und für den Straßenalltag suchst, nimm den Allradler. Wenn dein Einsatzzweck trockene Sommerrunden auf einer schnellen Strecke ist, ist der Hecktriebler das ehrlichere Werkzeug.

Leistungssteigerung und Allrad

Beim Tuning ist der Allrad der Teil, der als Erstes an die Grenze kommt. Eine Lamellenkupplung, die für ein bestimmtes Eingangsmoment ausgelegt ist, wird bei deutlich mehr Drehmoment thermisch überfordert, bevor irgendetwas mechanisch bricht. Symptome sind ein Zurücknehmen der Vorderachsanbindung nach mehreren harten Anfahrten und Öl, das seine Eigenschaften verliert. Wer Leistung deutlich anhebt, sollte den Ölwechsel im Verteilergetriebe deshalb deutlich früher machen als der Serienplan vorsieht.

Der zweite Schwachpunkt sind die Halbwellen an der Vorderachse. Volles Moment plus Lenkeinschlag plus Traktion ergibt Belastungsspitzen, für die die Serienteile mit wenig Reserve ausgelegt sind. Und Launch Control ist genau der Betriebszustand, der alles gleichzeitig maximal belastet.

Was in keinem Tuningkatalog steht, aber jeden Allradler betrifft: Die Abrollumfänge aller vier Reifen müssen zusammenpassen. Unterschiedliche Profiltiefen, unterschiedliche Fabrikate oder ein einzelner neuer Reifen auf einer Achse erzeugen eine permanente Drehzahldifferenz zwischen den Achsen. Das Mitteldifferenzial arbeitet dann dauerhaft, die Kupplung schleift ohne Pause, und die Regelung interpretiert einen Fehler, den es gar nicht gibt. Bei Allrad werden Reifen paarweise pro Achse getauscht, im Zweifel alle vier gleichzeitig. Das ist der billigste Weg, ein teures Verteilergetriebe am Leben zu halten.

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